Leserbrief vom 28. Dezember 2011:

Zuviele Unfälle an Fussgängerstreifen!

Diverse Artikel in den Medien

Sowohl die Medien als auch die Politiker und erst recht die Fachleute sind sich einig: Jetzt muss etwas unternommen werden! Nur über das Wie streitet man sich.

Als Verkehrspädagoge mit 40-jähriger Erfahrung habe ich mir bei der Einführung der Neuregelung an Fussgängerstreifen ernsthaft Sorgen gemacht. Nicht die Abschaffung des Handzeichens als solches, sondern die Falschinterpretation, die in den Medien und leider auch vom VCS und IG Fussgänger gebetsmühlenartig verbreitet wurde: „Ihr müsst jetzt nicht mehr um euren Vortritt betteln, sondern dürft selbstbewusst euren Vortritt beanspruchen.“ Was hatte sich damals geändert? Vor 1994 hiess es im Strassenverkehrsgesetz, dass der Fussgänger seinen Vortritt deutlich anzeigen und Blickkontakt mit dem Fahrzeugführer aufnehmen soll. Wörtlich hiess es damals im schweizerischen Handbuch der Verkehrsregeln:“ Achten Sie darauf, ob der Fahrzeugführer Ihre Absicht erkannt hat und verlangsamt.“ Die neue Fassung enthält keinen Hinweis mehr auf Handzeichen und Blickkontakt. Es heisst nun lapidar: „ Auf Fussgängerstreifen haben Fussgänger Vortritt. Sie dürfen jedoch vom Vortrittsrecht nicht Gebrauch machen, wenn das Fahrzeug bereits so nahe ist, dass es nicht mehr rechtzeitig anhalten kann.“ Man braucht keine psychologischen Fähigkeiten, um daraus das abzuleiten, was leider immer wieder vorkommt: Der Fussgänger meint der Fahrzeuglenker passe auf und umgekehrt. Man kontrolliert das Verhalten der Anderen nicht mehr. Dabei hört man doch im täglichen Leben immer wieder – Vertrauen ist gut, Kontrolle aber besser! Wieso gilt dies nicht mehr im Strassenverkehr?

Politiker und Bundesangestellte sehen das Dilemma bei der Anzahl und der Anlage der Fussgängerstreifen. Unter Verkehrssachverständigen sind lange, gerade Strassen am gefährlichsten, weil dort zu schnell gefahren wird und die Aufmerksamkeit sehr gering ist. Das spräche eigentlich eher für komplizierte, schlecht übersichtlich gestaltete Situationen. Dort wo man sich nicht sicher fühlt, fährt oder läuft man auch vorsichtiger! Auch die vermehrte Signalisation ist kein probates Mittel. Bei der heutigen Reizüberflutung ist ein Mensch nurmehr fähig, 2-3 Situationen pro Sekunde zu erkennen. Ein Signal, das drei Meter über Kopf hängt und grad unmittelbar am Streifen steht ist deshalb nutzlos. Viel eher würde ich in quergestellte Fussgängerstreifen und gute Beleuchtung investieren. Das erstere geht auf die unterbewusste Wahrnehmung zurück, welches auch beim Stop, Kein Vortritt oder Haltelinie an der Ampel vorkommt: Alles was quer zur Fahrbahn liegt, bedeutet Halt oder Vorsicht! Es wird daher eher wahrgenommen.

„Verkehrsexperten“ tendieren dazu, in die Technik der Fahrzeuge zu investieren. Solche technischen Errungenschaften sind nicht in jedem Fall schlecht. Abstandsfühler und sonstiger technischer Schnickschnack, wie sie z.B. Volvo anbietet sind sicher zukunftsweisend. Aber wie verhält sich ein Fussgänger, der von solchen Fortschritten gelesen hat? Er verlässt sich darauf, dass Autos in Zukunft selber halten, wenn er läuft. Pech ist dann nur, wenn ein älteres Modell daher kommt.
Deshalb gibt’s nur eins: Fahrlehrer, Verkehrsinstruktoren und Versicherungsfachleute sollten Strassenbenützer von klein auf instruieren, dass der gegenseitige Blickkontakt und das checken des Verhaltens – in diesem Fall die Absicht des Fahrzeuglenkers – so instruiert wird, dass keine Missverständnisse mehr entstehen. In 97% aller Verkehrsunfälle ist nämlich "ein Mensch" schuld, also muss man hier anfangen.

Felix Knöpfel, Verkehrspädagoge, Pratteln


 

 

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